Dienstag, 29. November 2011

Ungeahntes utopisches Potential

Es scheint zunächst wie eine Hardcore-Version der letztes Jahr zum Theatertreffen eingeladenen Theateradaption von Ettore Scolas Film Die Schmutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen, was der japanische Regisseur Daisuke Miura in seiner bereits 2006 in Japan uraufgeführten und jetzt im Rahmen der Festwochen gezeigten Inszenierung "夢の城" ("Castle of Dreams") in eine guckkastenähnliche Bühne gebracht hat: Schonungslos und explizit ficken, prügeln und bedröhnen sich diese acht jungen Menschen in einem praktisch nicht mehr zu überbietenden Naturalismus (samt männlicher und weiblicher Ejakulationen) und erzeugen so binnen weniger Minuten ein desolates Bild menschlicher Abgründe voll Leere, Einsam- und Sinnlosigkeit.
Anders als die Scola-Inszenierung von Karin Beier zieht Daisuke Miura diesen scheinbaren Naturalismus von Anfang bis Ende der Inszenierung allerdings konsequent durch, lediglich unterbrochen von musikuntermalten Blacks, die Zeitsprünge suggerieren. Dank dieser formalen Konsequenz entstehen so beim Betrachter überraschende Gefühle der Faszination; nicht jener allzu bürgerlich-distanzierten Faszination für das Ekelhafte und Widerwärtige, sondern der Faszination für ein ungeahntes utopisches Potential, das dem Treiben auf dieser Bühne innewohnt.
Das sich aller Relationen entziehende Große an diesem Abend ist der konsequente Verzicht auf jedwede Form eines moralisierenden Zeigefingers – egal in welche Richtung er auch zeigen möge. So – und nur so – findet die Inszenierung auf ganz wundersame Weise so etwas wie eine Schönheit im Häßlichen, eine Geborgenheit im Abstoßenden; indem aus all den präzise choreographierten kleinsten Gesten, den banalsten Geräuschen, dem alltäglichsten Licht – aber ebenso den Ausbrüchen, den plötzlichen Entladungen, dem Aufbegehren – eine Komposition entsteht, die gerade aufgrund ihrer (scheinbaren) Natürlichkeit durch den "unbeteiligten", voyeuristischen Theaterblick des Kunst-Rezipienten so überhöht, so künstlich wird, daß hier die Sicht auf ein Dahinter, ein Jenseits der geschlossenen, reproduzierenden Oberfläche frei wird. Dieses Dahinter sind nichts weniger als die bereits im Titel erwähnten Träume; nichts weniger als die Ahnung von einer anderen Möglichkeit des Daseins, vielleicht sogar von der Gesamtheit aller anderen Möglichkeiten und nicht zuletzt auch von der Gemeinsamkeit all dieser anderen Möglichkeiten: nämlich der Sehnsucht des Menschen und seinem Streben nach Sinn.
Kai Krösche, nachtkritik

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