Das Blog zum Theaterfestival SPIELART. Texte, Materialien, Hintergründe.
Dienstag, 29. November 2011
Ungeahntes utopisches Potential
Anders als die Scola-Inszenierung von Karin Beier zieht Daisuke Miura diesen scheinbaren Naturalismus von Anfang bis Ende der Inszenierung allerdings konsequent durch, lediglich unterbrochen von musikuntermalten Blacks, die Zeitsprünge suggerieren. Dank dieser formalen Konsequenz entstehen so beim Betrachter überraschende Gefühle der Faszination; nicht jener allzu bürgerlich-distanzierten Faszination für das Ekelhafte und Widerwärtige, sondern der Faszination für ein ungeahntes utopisches Potential, das dem Treiben auf dieser Bühne innewohnt.
Das sich aller Relationen entziehende Große an diesem Abend ist der konsequente Verzicht auf jedwede Form eines moralisierenden Zeigefingers – egal in welche Richtung er auch zeigen möge. So – und nur so – findet die Inszenierung auf ganz wundersame Weise so etwas wie eine Schönheit im Häßlichen, eine Geborgenheit im Abstoßenden; indem aus all den präzise choreographierten kleinsten Gesten, den banalsten Geräuschen, dem alltäglichsten Licht – aber ebenso den Ausbrüchen, den plötzlichen Entladungen, dem Aufbegehren – eine Komposition entsteht, die gerade aufgrund ihrer (scheinbaren) Natürlichkeit durch den "unbeteiligten", voyeuristischen Theaterblick des Kunst-Rezipienten so überhöht, so künstlich wird, daß hier die Sicht auf ein Dahinter, ein Jenseits der geschlossenen, reproduzierenden Oberfläche frei wird. Dieses Dahinter sind nichts weniger als die bereits im Titel erwähnten Träume; nichts weniger als die Ahnung von einer anderen Möglichkeit des Daseins, vielleicht sogar von der Gesamtheit aller anderen Möglichkeiten und nicht zuletzt auch von der Gemeinsamkeit all dieser anderen Möglichkeiten: nämlich der Sehnsucht des Menschen und seinem Streben nach Sinn.
Kai Krösche, nachtkritik
Dienstag, 22. November 2011
Die Wirklichkeit durch Fiktion bedrohen
Kunst ist etwas, das der gesellschaftlichen Wirklichkeit etwas Starkes entgegensetzen kann. Und dieses Etwas ist für eine Gesellschaft notwendig – für eine Gesellschaft, in der solche Katastrophen wie in Japan geschehen sind, erst recht. Denn wenn es dieses Etwas, eine Antithese, nicht gibt, dann müssen die Menschen glauben, es gebe nur diese einzige Wirklichkeit.
Dieses starke Etwas, welches der gesellschaftlichen Realität entgegengesetzt wird – womöglich können wir es mit anderen Worten Fiktion nennen. Ohne es zu merken, begann ich, durch den Begriff der Fiktion über das Theater nachzudenken. Bis dahin hatte ich noch nicht auf diese Weise über Theater nachgedacht. Das lag zum einen daran, dass ich den Wert von Fiktion nicht erkannt hatte. Ich verstand Wirklichkeit als „Wahrheit“ und Fiktion als „Lüge“ und „Erfundenes“. An bloßer „Lüge“ und „Erfundenem“ hatte ich kein Interesse. Aber ich erkannte, dass dies ein Irrtum war.
Was die Wirklichkeit betrifft, so ist sie nichts ‚Wahres’. Sie ist nicht mehr als die zu einem gegenwärtigen Zeitpunkt vorerst einflussreichste Fiktion. Fiktion ist weder bloße ‚Lüge’ noch ‚Erfundenes’. Sie ist rezessive Wirklichkeit. Daher bedroht eine starke Fiktion die Wirklichkeit. Sie hält der Wirklichkeit eine alternative Möglichkeit entgegen.
Toshiki Okada, Theater der Zeit, Oktober 2011
Montag, 21. November 2011
Japanisches Depressionstheater?

Das erste Festivalwochenende ist um... und gerade die beiden japanischen Produktionen haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen! "Japanisches Depressionstheater" war als Facebook-Kommentar zu lesen, viel Gutes und manch Negatives zu hören - doch eine Erfahrung waren allen gemeinsam: gepackt und gefesselt war man von der fremden Ästhetik, dieser anderen Zeitlichkeit, die die beiden so gegensätzlichen Stücke vereinte, dem Thema des Abschottens und der Sinnsuche.
Man konnte vom Berührtsein und der Bewegtheit der Zuschauer, gerade bei Daisuke Miuras "Castle of Dreams", hören, das mit seinen Darstellern, die so gar nicht mehr Mensch, vielmehr Tier und Maschine waren, bedrückte. Doch wer vorschnell gedacht hatte, dass dieses trashige, in einem Tokioter Appartement spielende Stück mit der Darstellung eines trostlosen Alltags acht junger Erwachsener, die lediglich die Bedürfnisse Sex, Essen und Schlafen stillen, platt provozieren würde, hat sich gettäuscht. Perfekt durchchoreografierte Körper, die sich langsam -jeder in seiner ganz eigenen Qualität- über die vollgemüllte Bühne bewegen, stumm und unfähig zu kommunizieren oder zu reflektieren. Die laut dröhnende Musik und das verzweifelt-lustvolle Gestöhne der Darsteller als einzige Geräusche durchbrechen die Stille, dehnen die Leere. Raum und Zeit scheinen aufgelöst - nur das Sonnenlicht, das durch die dreckigen Scheiben hereinbricht, kündet vom Morgen, das den Kreislauf so schnell nicht enden lassen wird.
Die schweren Lider senken sich auf die bleichen Wangen und trennen sie von der realen Welt. Wie zwei schwarze Schatten im Gesicht, die geschlossenen Augen der halbnackten Japanerin. Die aufreizend schwarz-rote Unterwäsche verrutscht, die künstlich-blonden Locken zerzaust... alles Leben ist aus ihrem matten Körper gewichen, mühsam schleppt sie sich über die Bühne. So könnte man sich auch eine der Motten aus Georg Kaisers "Morgens bis mitternachts" vorstellen.
Von Miriam Althammer