Fotos: Simon Emmerlich
Das Blog zum Theaterfestival SPIELART. Texte, Materialien, Hintergründe.
Sonntag, 4. Dezember 2011
Laboratorische Gemeinschaften
Fotos: Simon Emmerlich
Dienstag, 29. November 2011
(In)Visible Theatre

Ein Polizeieinsatz wegen SPIELART? Ja, das war Freitagnachmittag der Fall. Obwohl Anna Estorriala und Johanna Ketola ihre Performances "Invisible Theatre" nennen, entdeckte die Polizeit die blau gekleideten Menschen auf dem Marienplatz, die Teil der öffentlichen Intervention waren. Sie falteten Decken, trugen schwer an ihren vielen blauen Einkaufstaschen und wedelten mit kleinen Fähnchen - auf dem Fischbrunnen stehend.
Mit diesen Alltagshandlungen, kaum bemerkbar, griffen sie jedoch ein in das rege Treiben des baldigen Christkindlmarktes, dessen Sicherheit durch künstlerische Darbietungen wohl nicht mehr gewährtleistet war. Trotz der 13 installierten Kameras und der Verstärkung der Einheiten.
So mussten die blauen Menschen von dannen ziehen.
Der Film WITHIN zeugt von den verschiedenen Interventionen im öffentlichen Raum, bei denen lediglich verschiedene Farben, Orte und Routen festegelegt und so zu einer Choreografie von bunten Körpern wurden. Gelb im Englischen Garten. Grün im Schelling-Salon. Und Pink an der U-Bahnstation Max-Weber-Platz. Manchmal wirken sie schon wie aus einer anderen Welt, einer Utopie, in der alles noch in Ordnung ist. Und dann sind es doch nur wieder Alltagshandlungen, die manchmal etwas verrutschen und durch den Gestus des Farbigen auffallen.
Von Miriam Althammer
Montag, 28. November 2011
DO TANK # 8
„Ein guter Forschungsbericht, schreibt Bruno Latour, zeichnet ein Netzwerk nach. DON’T HOPE berichtet von Gesprächen mit Bewohnern eines Altersheimes, in denen mehr Weisheiten zum Vorschein treten, als man gemeinhin annimmt. Das Stück erzählt in erster Linie von dieser Forschung, ist dabei Entwurf und präsentiert unaufgearbeitete Interviews – was einen erst recht verblüfft, wenn man das weiß. Vielleicht ist es eher eine erste Sammlung von Karteikarten, die im fahlen Licht eines allzu sehr an Schule erinnernden Sitzkreises immer wieder neu vor einem aufgelegt, vorgelesen, neu gemischt und wieder sortiert werden. Die Feldforscher müssen sich erst noch durch den Dschungel ihres Materials kämpfen und suchen tapfer weiter.
Beim SOCIAL FICTIONS Symposium konnte man hingegen eine ganze Reihe von fertigen Forschungsberichten sehen und hören. Ob sie Netzwerke nachzeichnen, lässt sich gar nicht beurteilen, denn die Erzählungen dieser tollen Künstler und Wissenschaftler im Vortragssaal bleiben seltsam entkoppelt von ihren Sozialen Verknüpfungen. Das ist besonders schade für den geneigten Zuhörer, denn gerade das Multimedium Theater wäre besonders geeignet diese Netzwerke nicht nur abstrakt nachzuerzählen – eine Kunst, die niemand in der akademischen Sprache so beherrscht wie Latour selbst – sondern ihre vielfältigen Materialien zu verknüpfen. (Die große Ausnahme sind Wu Wenguang und Rabih Mroué, bezeichnenderweise der erste und letzte Vortrag des Tages, die von nichts anderem Sprechen, als von den Kanten, die sie zu den Hungernden der Kulturrevolution und den Unterdrückten des arabischen Frühlings in Syrien zu knüpfen versuchen.)
Das ist vielleicht die Chance und auch die kollektive Aufgabe unseres DO TANK für die kommende Woche. Wir haben die einmalige Möglichkeit mehr tun zu können, als nur eine abstrakte Beschreibung für eine Leserschaft zu liefern, wir können die Netzwerke nicht nur nachzeichnen, sondern gleichzeitig mit ihrem jeweiligen Sozialen produzieren. Ein guter Feldforscher ist gleichzeitig Teilnehmer und Beobachter. Im DO TANK müssen wir und unsere Teilnehmer/Zuschauer/Zaungäste/Besucher gleichzeitig Anthropologen und Dorf sein. Was also tun? Vielleicht theatralische Ökologie.“
Einverstanden, Gero.
DO TANK # 7
Following the daily reports and updated schedules from Montreal, DO TANK seemed relatively easy to grasp. Information was nicely filtered and abstracted not risking risky entanglements. Having arrived in Munich, everything reveals itself as pure noise, chaotic attempts to successfully establish communication and multiple things happening simultaneously. Katrin, these are serious attacks on my perceptive tools! How much more confusing must one single glance into the world “as it really is” be, how unprepared are we for enduring direct access to the irreductions we are actually seeking?
Only now I understand what an effort the erection of laboratories, their mechanisms of abstraction and processing really is. I am not sure if we are able to bring method to this madness, but thankfully our forefathers have relieved us from much toil, though we are seldom grateful enough. While I do not wish to repeat their epistemological aberrations, I start to understand the sheer size of Latour’s non-modern project.
DO TANK # 6
Stand der Dinge
Das Labor produziert die Fakten, liebe Katrin, so ist es nun einmal. Der DO TANK ist da auch keine Ausnahme sondern Beispiel und ich glaube, man sieht langsam das Netzwerk aus dem Kunstwerk herauswachsen, es verwurzeln und überranken. VERBASCUM spricht von einem nicht-menschlichen Akteur und seinen sozialen Einbindungen, die letztlich aber unabschließbar bleiben, weil diese Pflanzen und ihre Samen vielleicht alles und jeden überdauern, der an der Herstellung dieser Relationen beteiligt ist. WITHIN verwendet Farben als Kontrastmittel – fast wie Latour seine Begriffsarbeit – und zeichnet auf dem Marienplatz, im Englischen Garten, im Schellingsalon und am Max-Weber-Platz Bezüge nach, die immer schon da waren, aber meist verdeckt bleiben. Der Dampf im Müllerschen Volksbad entblößt und verhüllt die Teilnehmer von NACHTBLAU, er schmiedet einen seltsam durchlässigen Schleier und hält sich doch dezent im Hintergrund. Ich glaube, das Dazwischen müssen wir gar nicht erst konstruieren, es war immer schon da und es gilt eigentlich nur es sichtbar zu machen. Das leistet aber nicht einmal wirklich unsere Metasprache, sondern der begrenzte Kosmos einer kollektiven Forschungsarbeit, der wie in einer Petrischale die Bakterien und Viren erst durch ihre Struktur erkennbar werden lässt.
Wir sollten uns heute noch mit Bakterien beschäftigen. Und mit Laboratorien.
DO TANK # 5
Das Labor ist betriebsam. Die Ideen wuchern. Unsere Gruppe erweitert sich.
Brauchen wir Vorgaben, eine Struktur, um das Gedachte wirksam zu machen?
These 4) Das Soziale beginnt mit Regeln, die Fakten schaffen
„Du suchst das Gespräch mit den Anderen und teilst mit ihnen deine Gedanken. Du berichtest anderen Leuten von unserem Workshop. Um deine Ideen zu präsentieren, trägst du dich in die Liste ein und reklamierst deine Redezeit. Es gibt keine vorbereiteten Präsentationen und keine Touristen. Präsentationen dauern so lange wie sie müssen, aber niemals länger als bis zur nächsten Präsentation. Wenn du das erste Mal teilnimmst, MUSST du präsentieren (wobei natürlich niemand gezwungen wird, aber du solltest dich zumindest mit jemandem zusammentun, der präsentieren möchte, Fragen stellen und aktiv dabei sein). Der Workshop läuft solange er muss, aber nicht länger als alle Teilnehmer weitermachen wollen.“
Freitag, 25. November 2011
UTOPIA?!
Stand der DingeDas Labor produziert die Fakten, liebe Katrin, so ist es nun einmal. Der DO TANK ist da auch keine Ausnahme sondern Beispiel und ich glaube man sieht langsam das Netzwerk aus dem Kunstwerk herauswachsen, es verwurzeln und überranken. VERBASCUM spricht von einem nicht-menschlichen Akteur und seinen sozialen Einbindungen, die letztlich aber unabschließbar bleiben, weil diese Pflanzen und ihre Samen vielleicht alles und jeden überdauern, der an der Herstellung dieser Relationen beteiligt ist. WITHIN verwendet Farben als Kontrastmittel – fast wie Latour seine Begriffsarbeit – und zeichnet auf dem Marienplatz, im Englischen Garten, im Schellingsalon und am Max-Weber-Platz Bezüge nach, die immer schon da waren, aber meist verdeckt bleiben. Der Dampf im Müllerschen Volksbad entblößt und verhüllt die Teilnehmer von NACHTBLAU, er schmiedet einen seltsam durchlässigen Schleier und hält sich doch dezent im Hintergrund. Ich glaube, das Dazwischen müssen wir gar nicht erst konstruieren, es war immer schon da und es gilt eigentlich nur es sichtbar zu machen. Das leistet aber nicht einmal wirklich unsere Metasprache, sondern der begrenzte Kosmos einer kollektiven Forschungsarbeit, der wie in einer Petrischale die Bakterien und Viren erst durch ihre Struktur erkennbar werden lässt.
Wir sollten uns heute noch mit Bakterien beschäftigen. Und mit Laboratorien.
Gruß,
Gero
heute 25.11. 15 Uhr I 29.11. 19 Uhr I 2.12. 15 Uhr
Dienstag, 22. November 2011
DO TANK # 4
UTOPIA ?! Feldforschung 3
These 3) Die Praxis ist brutal und selektiv, aber Latour hat trotzdem Recht
Gero, wir haben ein Problem: Das Labor ist im Begriff uns zu verdrängen!Offenbar wurde beim Versuch, Raum und Zeit innerhalb des Kollektivs so zu verteilen, dass 15 unterschiedliche Künstler ohne große Reibungsverluste gemeinsam produktiv werden können, die Dynamik der WITHIN Filmpremiere unterschätzt: Anna und Johanna haben für Donnerstag abend um 18 Uhr alle Mitwirkenden aus den WITHIN Aktionen mit deren Anhang eingeladen.
Ein utopischer Workshop in Partyatmosphäre im selben Raum um 19 Uhr erscheint mir unrealistisch. Diplomatische Versuche, die Aufmerksamkeit von unserem Forschungsraum in einen anderen Raum zu verlagern, sind gescheitert. Es käme mir offen gesagt auch komisch vor, den Gegenstand der Beobachtung aus der Beobachtungsposition heraus derart zu verdrängen. Das ist ungefähr so, als würde man einem Geflecht unter dem Mikroskop verbieten, über die Petrischale hinauszuwuchern. Der Gegenstand hat sich weiterentwickelt. Jetzt ist klar:
DO TANK war nie auf das Basislager beschränkt. Ich sehe Latours Behauptung, dass die politische Ökologie die klare Unterscheidbarkeit von Innen und Außen als Illusion der Moderne entlarvt, bestätigt. Aber was bedeutet das für uns als menschliche Wesen?
Kommst Du eigentlich am Mittwoch mit ins Dampfbad?
Kollegiale Grüße
Katrin
DO TANK # 3
UTOPIA ?! Feldforschung 2
These 2) Das Dazwischen ist nicht verhandelbar
DO TANK ist ein loses Kollektiv. Möglicherweise werden seine einzelne Elemente noch stärker in Interaktion treten, wenn wir sie der Zeit überlassen. DO TANK hat sich noch nicht von dem Zwang befreien können, die Schnittstelle zum Erwartbaren zu bedienen. Wir bewegen uns im Rahmen von Öffnungszeiten, um als „Institution“ sichtbar zu werden. Ohne dass wir es wollten, ist der Anspruch entstanden, Dinge zu präsentieren, die präsentierbar sind. Der Moment erzwingt die Fakten.
DO TANK steht unter Druck.
DO TANK ist in den vergangenen Tagen in die Stadt hineingewachsen. Anna Estarriola und Johanna Ketola haben Menschen auf dem Max-Weber-Platz, auf dem Marienplatz, im Englischen Garten und im Schelling Salon aktiviert. Im AWO Senioren und Pflegeheim in der Gravelottestraße haben Martin Clausen und Johannes Hock mit den Bewohnern über das gesprochen, was ihnen wichtig ist. Im Basislager können die Besucher seit Freitag eine politisch korrekte Auszeit nehmen, in dem sie sich hinlegen und dafür zahlen. Mit der Installation Verbascum Project haben Verena Holzgethan und Paul Neuninger die Grenzen zwischen außen und innen aufgeweicht, selbst die zeitlichen Grenzen existieren nicht mehr, weil die Königskerzen, die im Sommer gepflanzt wurden, nach wie vor wachsen oder für immer tot ist.
Gero, Du hast mich nach dem Dazwischen gefragt und wie das ausgehandelt werden kann. Ich sehe da wenig Handlungsspielraum. Es gibt kein Entkommen aus der Dynamik des Festivalbetriebs. In zehn Minuten muss das, was ich gerade in den Computer tippe, druckfähig sein. Die Struktur zwingt mich, zu einem Ende zu kommen. Das kann nur ein vorläufiges Ende sein. Vielleicht ist das aber auch ein Indiz dafür, dass Ideen nur unter Druck als Handlungen in die Realität hinüber schwappen. Lass uns das demnächst überprüfen.
Gute Reise, Katrin
DO TANK # 2
UTOPIA ?! - Feldforschung 1
Versuch einer Bestandsaufnahme - Womit haben wir es zu tun?
These 1) Wir sind noch nicht wir und die anderen müssen wir erst ins Boot holen.
Gero, vor einiger Zeit haben wir eine Veranstaltung angekündigt, die wir UTOPIA?! NON MODERN POLITICS IN ACTION nennen. Wir bezeichnen diese Veranstaltung als Workshop, nicht als Vorlesung, weil darin jeder Teilnehmer zu Wort kommen soll. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Feldforschung, weil die Beobachtung und Dokumentation sozialer Prozesse darin eine wichtige Rolle spielt. Wenn wir mit dem Philosophen Bruno Latour darin übereinstimmen, dass die Wissenschaft durch kontinuierliches Fragenstellen, Argumentieren und Reflektieren Fakten schafft, müssen wir anerkennen, dass jede Form von wissenschaftlichen Fakten zunächst einmal ein soziales Konstrukt darstellt. Genauer gesagt, das Ergebnis eines sozialen Austauschs oder das Resultat eines: „Wir-Sprechen-So-Lange-Darüber-Bis-Wir-Darüber-Konsens-Erzielt-Haben-Prozesses“. Im Idealfall handelt es sich dabei um einen demokratischen Vorgang, den wir in ähnlicherweise auch dort nachvollziehen können, wo in Zusammenarbeit verschiedener Künstler ein Kunstwerk entsteht. DO TANK ist ein Kunstwerk.
DO TANK ist unser Studienobjekt. „Wir“ sind die Dramaturgen, die eigenmächtig die Rolle der Beobachter eingenommen haben. Noch bevor es überhaupt eine Ebene gab, haben wir dem Kontext, in den uns die Kunst verschlagen hat, eine Metaebene verpasst. Unser Denken hat im DO TANK noch keinen Widerstand gefunden – aber auch noch keine Verbündeten.
Gero, auch als Forschungsgruppe arbeiten wir räumlich getrennt. Täglich schicke ich Dir aktualisierte Zeitpläne nach Montreal und ich frage mich, ob Du an das, was Du da liest wirklich glaubst, denn zumindest was diese Ebene betrifft, werden meine Thesen täglich von der Praxis modifiziert.
Schöne Grüße
Katrin
DO TANK # 1
Was ist DO TANK? What is DO TANK?
DO TANK is an attempt to respond to the social and political challenges in our communities by taking an action which reflects the artistic practices of the participating artists.
DO TANK is time not money. But money is a very important aspect of DO TANK because it enables it to exist at SPIELART and because it invites people to open their wallets and donate money for an Opera village in Burkina Faso.
DO TANK is starting at the 18th of November.
DO TANK is an attempt to engage and take action but it also sometimes means disengagement, refusal and retreat.
DO TANK developed in Pinkafeld, in a small village in Burgenland and in Vienna, in Helsinki and in Munich and it had also a trip to Venice.
DO TANK is politics in action.
DO TANK is hope in action. DO TANK is a social sculpture. DO TANK IS a social movement.
Ist DO TANK Kunst?
DO TANK is art but DO TANK is an attempt not to distinguish between art and life.
DO TANK wird die Welt nicht schlechter machen.
DO TANK is a community of artists that meets in the BASE CAMP AT Muffatwerk for 2,5 weeks but it’s also a wave of actions that migrate all over the city of Munich.
DO TANK ist ein dreiwöchiges Experiment in Handlungsetüden.
DO TANK is a simple naive utopia.
Ist DO TANK Nahrung?
DO TANK is a migration strategy for a very strong family of plants that first occupy the contaminated landscapes.
DO TANK ist ein UNORT.
DO TANK is a place to sweat together.
Ist München reich?
DO TANK is a result of 10 months of ongoing dialogue.
DO TANK ist ein Labor definiert durch prozesshaftes Arbeiten.
DO TANK is a curatorial residency of the FestivalLAB joining forces with Pathos Munchen.
DO TANK is yellow, Purple, Green and Fuchsia.
DO TANK is a transformation.
DO TANK is feeding and being fed.
DO TANK is in a constant state of becoming. DO TANK is a constant attempt to change perspective.
DO TANK is a game to find out what is most important to us.
DO TANK ist ein Kickstart.


















